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Kein Mensch ahnte 1923 bei der Premiere von "Knock oder der Triumph der Medizin", dass dieser Dreiakter einmal zum Vorbild der modernen Medizin werden würde. Ein verarmter Landarzt hatte seine Praxis an Dr. Knock verkauft und ihm erzählt, dass er hier kaum Arbeit haben würde, da alle Leute so gesund seien. Knock lud zu Vorträgen über unheimliche Krankheiten ein und es dauerte nicht lange bis fast alle Leute krank waren. Das Stück gehört zur Grundausbildung jedes Pharmamanagers. Der Grundgedanke unseres Gesundheitssystems ist die Krankerhaltung der Gesunden. So erhält ein Arzt seine Bezahlung nicht für die Heilung, sondern für die Behandlung. Damit wird der Chroniker zum Idealfall des Patienten.
Es gibt zwei unerwünschte Zustände: Der Gesunde bringt vorerst kein Geld und der Tote nie wieder. Daher gilt es beide Zustände zu vermeiden. Wenige Ärzte mit wenigen Präparaten können keinen riesigen Schaden anrichten. Das schützte das Volk lange vor der Katastrophe. Die guten Einnahmemöglichkeiten im Arztberuf und die permanente Gier der Konzerne nach Wachstum der Umsätze und Gewinne erforderten auch ein exponentielles Wachstum bei den Krankheitsfällen. Nur irgendwann wird jede Krankheit behandelt und man muss mit dem Erfinden von selbigen beginnen.
Die moderne Form des Dr. Knock sind Pharmakonzerne in Zusammenarbeit mit Apothekerverbänden, Ärztevereinigungen und Patientengruppierungen. Es werden sogar Selbsthilfegruppen gegründet und unterstützt, die sich nur mit jeweils einer Erfindung der Pillendreher beschäftigen. So werden Milliardenbeträge für Krankheiten wie
Sisi-Syndrom
soziale Phobien
ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom)
erhöhter Cholesterinwert
Übergewicht
erektile Dysfunktion
Haarausfall
Menopause des Mannes
Osteoporose
Chronic Fatigue Syndrom
Käfig-Tiger-Syndrom
Prähypertonie
Weichteilrheumatismus
Reizdarmsyndrom
Refluxsymptom
Leisure Sickness
eifrig beworben und erreichen epidemische Ausmaße. Ein erheblicher Teil der ausufernden Krankheitskosten gehen auf das Konto dieser Erfindungen. Verschiedene dieser Erkrankungen gibt es zwar wirklich, doch ist die Zahl der behandlungsbedürftigen Fälle relativ gering.
Eine Ursache der Explosion der Krankheitskosten liegt in der ständigen Ausweitung der Definition der Krankheiten. So waren früher Knochenbrüche bei Frauen ab 40 ein Indiz für eine mögliche Osteoporose. Nachdem die WHO 1993 einen völlig willkürlichen Grenzwert für die Diagnose einer Osteoporose festgelegt hatte, wurden plötzlich ganze Bevölkerungsschichten zu Osteoporose-Patienten. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für diese Grenzwerte. Man war einfach der Meinung, dass 20-35% weniger Knochendichte, wie bei einem jungen Menschen, genug Beweis sind. So wie die Haut Falten bekommt, so lässt die Knochendichte mit dem Alter nach und belegt eine Osteoporose nicht. Nachdem die Kassen die Notbremse gezogen haben und die Knochendichtemessung an gesunden Menschen aus dem Leistungskatalog gestrichen hatte, bewerben die Ärzte diese jetzt als IGeL-Leistung weiter.
Wann eine Krankheit beginnt und die Gesundheit endet, legen immer häufiger Konsensus-Konferenzen fest. In diesen Zusammenkünften von Medizinern, Pharmakologen und Forschern streitet man sich, wer den richtigen Grenzwert kennt und verständigt sich auf einen Mittelwert. Forschungsergebnisse spielen hierbei keine Rolle. Viel wichtiger ist, welchen Interessensgruppen die Teilnehmer angehören und wer von wem unterstützt wird. Wen wundert's, dass sich dabei keiner um das Wohl der Bevölkerung kümmert.
Wenn Patente für lukrative Präparate auslaufen, keine echten Entwicklungen in der Gesundheitsforschung eintreten und die Forschung sich auf das Publizieren von über 1,5 Mio. Berichten beschränkt, da muss die Medizin sich zwangsweise dem Gesunden zuwenden. Die Gewinne sollen ja weiterhin steigen. Das legale Ausplündern der Kassen wird auch durch die Gesundheitsreform nicht gebremst, da sich diese nicht mit den grundlegenden Problemen des Systems beschäftigt.
Klaus D. Minhardt 
Letzte Änderung: 10:39 11/08 2005
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